Jungen als neue Bildungsverlierer? – Zusatzauswertungen des IQB-Ländervergleichs 2012 und des IQB-Bildungstrends 2018 (JuBiv)


Leitung

Prof. Dr. Petra Stanat

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Sarah Gentrup

Laufzeit

01. März 2020 – 31. Dezember 2020

Förderung

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)


Projektbeschreibung

Schon seit längerer Zeit nehmen die Nachteile von Jungen im Bildungssystem zu (z.B. Hannover & Kessels, 2011; Kessels, 2014). Diese ungünstigen Entwicklungen wurden bislang vorwiegend für die Bildungsbeteiligung von Jungen (z.B. beim Gymnasialbesuch) und ihren Zertifikatserwerb beobachtet, wohingegen ihr Kompetenzerwerb weniger betroffen war (Hannover & Kessels, 2011). Insbesondere im Fach Mathematik erzielten Jungen bislang häufig bessere Ergebnisse in Kompetenztests als Mädchen (z.B. Sälzer, Reiss, Schiepe-Tiska, Prenzel & Heinze, 2013; Schipolowski, Wittig, Weirich & Böhme, 2017; Wendt, Steinmayr & Kasper, 2016) und äußerten eine höheres mathematisches Selbstkonzept und Interesse (z.B. Gaspard et al., 2014; Jansen, Schroeders & Stanat, 2013; Schilling, Sparfeldt & Rost, 2006). Zwar zeigen sich diese Vorteile der Jungen in Mathematik auch weiterhin, etwa in den aktuellen Ergebnissen des IQB-Bildungstrend 2018 (Jansen, Schneider, Schipolowski & Henschel, 2019; Schipolowski, Wittig, Mahler & Stanat, 2019). Doch ausgerechnet für diese als „Jungenfach“ konnotierte Domäne wurden im IQB-Bildungstrend 2018 für viele Länder nun ein Negativtrend in den erreichten Kompetenzen der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler vom Jahr 2012 zum Jahr 2018 identifiziert (Mahler & Kölm, 2019), der im Wesentlichen auf geringfügige, aber signifikante Leistungsrückgänge bei den Jungen zurückzuführen war (Schipolowski et al., 2019). Noch deutlicher zeigte sich der Rückgang von 2012 zu 2018 beim mathematischen Selbstkonzept und Interesse der Jungen (Jansen et al., 2019). Diese Entwicklungen geben Anlass zur Frage, ob Jungen in Deutschland nicht mehr nur in der Bildungsbeteiligung und beim Zertifikatserwerb, sondern vermehrt auch beim Kompetenzerwerb und in ihrer motivationalen Entwicklung benachteiligt sind und wie dem entgegengewirkt werden kann.

Durch weiterführende Analysen der Daten des IQB-Ländervergleichs 2012 und IQB-Bildungstrends 2018 leistet das Vorhaben einen Beitrag zum genaueren Verständnis dieser Entwicklungen und untersucht, ob die Kompetenzen und Motivation in Mathematik für Jungen in bestimmten Kontexten oder mit bestimmten individuellen Merkmalen besonders stark zurückgegangen sind. Es werden die Entwicklungen der Kompetenzen, des fachlichen Selbstkonzepts und des Interesses der Jungen in Mathematik differenziert für folgende kontextuelle und individuelle Merkmale analysiert: Ländergruppen (Ost, West, Stadtstaaten), Schularten (Gymnasien, nicht-gymnasiale Schularten), Geschlecht der Lehrkraft in Verbindung mit der Geschlechterkonnotation des Fachs, sozialer Hintergrund und Zuwanderungshintergrund der Lernenden.

Literatur

  • Gaspard, H., Dicke, A.-L., Flunger, B., Schreier, B., Häfner, I., Trautwein, U.et al. (2014). More value through greater differentiation: Gender differences in value beliefs about math. Journal of Educational Psychology, 107, 663-677.

  • Hannover, B. & Kessels, U. (2011). Sind Jungen die neuen Bildungsverlierer? Empirische Evidenz für Geschlechterdisparitäten zuungunsten von Jungen und Erklärungsansätze. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 25(2), 89-103.

  • Jansen, M., Schneider, R., Schipolowski, S. & Henschel, S. (2019). Motivationale Schülermerkmale im Fach Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern. In P. Stanat, S. Schipolowski, N. Mahler, S. Weirich & S. Henschel (Hrsg.), IQB-Bildungstrend 2018. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I im zweiten Ländervergleich (S. 337-354). Münster: Waxmann.

  • Jansen, M., Schroeders, U. & Stanat, P. (2013). Motivationale Schülermerkmale in Mathematik und den Naturwissenschaften. In H. A. Pant, P. Stanat, U. Schroeders, A. Roppelt, T. Siegle & C. Pöhlmann (Hrsg.), IQB-Ländervergleich 2012. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I (S. 347–366). Münster: Waxmann.

  • Kessels, U. (2014). Sind Jungen die neuen Bildungsverlierer? In B. Spinath (Hrsg.), Empirische Bildungsforschung: Aktuelle Themen der Bildungspraxis und Bildungsforschung (S. 3-19). Berlin: Springer.

  • Mahler, N. & Kölm, J. (2019). Mittelwerte und Streuungen der im Fach Mathematik erreichten Kompetenzen. In P. Stanat, S. Schipolowski, N. Mahler, S. Weirich & S. Henschel (Hrsg.), IQB-Bildungstrend 2018. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I im zweiten Ländervergleich (S. 201-212). Münster: Waxmann.

  • Sälzer, C., Reiss, K., Schiepe-Tiska, A., Prenzel, M. & Heinze, A. (2013). Zwischen Grundlagenwissen und Anwendungsbezug: Mathematische Kompetenz im internationalen Vergleich. In M. Prenzel, C. Sälzer, E. Klieme & O. Köller (Hrsg.), PISA 2012. Fortschritte und Herausforderungen in Deutschland (S. 47-98). Münster: Waxmann.

  • Schilling, S. R., Sparfeldt, J. R. & Rost, D. H. (2006). Facetten schulischen Selbstkonzepts: Welchen Unterschied macht das Geschlecht? Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 20, 9-18.

  • Schipolowski, S., Wittig, J., Mahler, N. & Stanat, P. (2019). Geschlechtsbezogene Disparitäten. In P. Stanat, S. Schipolowski, N. Mahler, S. Weirich & S. Henschel (Hrsg.), IQB-Bildungstrend 2018. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I im zweiten Ländervergleich (S. 237-263). Münster: Waxmann.

  • Schipolowski, S., Wittig, J., Weirich, S. & Böhme, K. (2017). Geschlechtsbezogene Disparitäten. In P. Stanat, S. Schipolowski, C. Rjosk, S. Weirich & N. Haag (Hrsg.), IQB-Bildungstrend 2016. Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik am Ende der 4. Jahrgangsstufe im zweiten Ländervergleich (S. 187-211). Münster: Waxmann.

  • Wendt, H., Steinmayr, R. & Kasper, D. (2016). Geschlechterunterschiede in mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen. In H. Wendt, W. Bos, C. Selter, O. Köller, K. Schwippert & D. Kasper (Hrsg.), TIMSS 2015. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich (S. 257-298). Münster: Waxmann.

Kontakt

Dr. Sarah Gentrup
Haushaltsfinanzierte Stelle mit Lehrdeputat
(030) 2093.46568

sarah.gentrup@
iqb.hu-berlin.de

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