Umgang mit Heterogenität

Die Frage danach, wie mit Heterogenität der Schülerschaft umgegangen wird und werden sollte, ist zentral für viele Forschungsarbeiten am IQB. Damit greifen wir ein Thema auf, das auch für die KMK von zentraler bildungspolitischer Bedeutung ist. Im Mittelpunkt dieser Forschung stehen Schülergruppen mit besonderen Lernbedürfnissen: (1) Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder Teilleistungsschwächen, (2) besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, sowie (3) Heranwachsende mit Zuwanderungshintergrund oder aus sozial benachteiligten Familien.

Die Lernsituation dieser Schülerinnen und Schüler unterscheidet sich in vielfältiger Weise. Zum einen haben sie unterschiedliche individuelle Lernvoraussetzungen. Zum anderen leben sie in unterschiedlichen Kontexten. Dazu gehören insbesondere die Familie, aber auch das weitere Lebensumfeld bis hin zur Nachbarschaft, die eine zentrale Rolle für den Lernerfolg Heranwachsender spielen können. Darüber hinaus unterscheiden sich auch Bildungssysteme, Schulen, Klassen oder die Unterrichtsgestaltung in den einzelnen Klassen und das kann ebenfalls die Entwicklung der Kinder und ihre weitere Bildungslaufbahn prägen. Beispielsweise kann es die schulische Entwicklung beeinflussen, welche Schulart Heranwachsende besuchen oder mit wem sie gemeinsam in einer Klasse lernen.

In Hinblick auf die schulische Entwicklung bezieht sich die Forschung am IQB auf verschiedene Erträge von Schul- und Unterrichtsqualität. Neben den schulischen Kompetenzen umfassen diese z. B. auch motivationale Orientierungen und schulbezogenes Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern.

1. Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder Teilleistungsschwächen

Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) lernen in Deutschland häufig an Förderschulen, werden aber zunehmend auch an Regelschulen gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ohne SPF beschult. Gleichfalls gibt es Schülerinnen und Schüler mit besonderen Lernschwächen, wie u. a. Lese-Rechtschreibschwäche, die besondere Förderung von Seiten der Lehrkräfte benötigen und selbst mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind. Diese Schülergruppen werden in verschiedenen Studien unseres Instituts, wie zum Beispiel den IQB-Bildungstrends, getestet und befragt.

In unserer Forschung beschäftigen wir uns aus verschiedenen Perspektiven mit diesen beiden Schülergruppen: Zum einen setzen wir uns mit methodischen Fragestellungen auseinander, wie der Frage, ob die vom IQB entwickelten Kompetenztests für Kinder mit SPF geeignet sind. Zum anderen untersuchen wir die unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Prozesse bei der Beschulung und Unterrichtsgestaltung. Beispielsweise beschäftigen wir uns mit dem diagnostischen Prozess, mit den besonderen Lernbedürfnissen und der Anpassung des Unterrichts an die besonderen Lernbedürfnisse dieser beiden Schülergruppen. Schließlich erforschen wir die Folgen unterschiedlicher Beschulungsformen für Kinder mit und ohne SPF: So gehen wir beispielsweise der Frage nach, ob sich Kinder mit SPF an Förderschulen in ihrer schulischen und psychosozialen Entwicklung von Kindern mit SPF an Regelschulen unterscheiden.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes zu Schülerinnen und Schülern mit SPF kooperieren zu methodischen und inhaltlichen Fragestellungen im Rahmen des NELSEN-Netzwerkes eng mit weiteren Forschungseinrichtungen, die in Deutschland Large-Scale-Assessments im Bildungsbereich durchführen.

2. Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler

Auch besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler bedürfen besonderer Förderung von Seiten der Lehrkräfte und sind selbst mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Am IQB beschäftigen wir uns u. a. mit Fragen dazu, inwieweit ihr kognitives und motivationales Potenzial mit ihren fachbezogenen Leistungen zusammenhängt. Darüber hinaus widmen wir uns der Frage, welche Maßnahmen der Förderung dieser Gruppe von Schülerinnen und Schüler inner- und außerschulisch zur Verfügung stehen.

3. Schülerinnen und Schülern aus zugewanderten und/oder sozial benachteiligten Familien

Am IQB beschäftigen wir uns auch mit Unterschieden im Bildungserfolg zwischen Heranwachsenden mit und ohne Zuwanderungshintergrund sowie Heranwachsenden aus sozial benachteiligten im Vergleich zu sozial stärkeren Familien. Insbesondere gehen wir Fragen dazu nach, wodurch solche Unterschiede entstehen und wie sie sich verringern lassen.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf verschiedenen Merkmalen der Lernumwelt. Auf der Schul- bzw. Klassenebene gehen wir u. a. der Frage nach, inwieweit sich die Zusammensetzung der Schülerschaft (Komposition) bezogen auf Heranwachsende aus zugewanderten und/oder sozial benachteiligten Familien auf die schulische und psychosoziale Entwicklung der einzelnen Schülerinnen und Schüler auswirkt. Außerdem untersuchen wir, wie die Zusammensetzung der Schülerschaft mit verschiedenen Unterrichtsmerkmalen zusammenhängt und wie diese nachfolgend mit der Entwicklung der Schülerinnen und Schüler in Verbindung steht. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich mit der Bedeutung sozialräumlicher Trennung verschiedener Personengruppen (Segregation) für den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern und der Frage, ob und inwieweit das Leben in einem bestimmten Wohngebiet über individuelle und schulische Merkmale hinaus den Bildungserfolg Heranwachsender vorhersagt.

In einem weiteren Forschungsschwerpunkt setzt sich das IQB mit dem Erwerb und der Förderung von Sprach- und Lesekompetenz auseinander. Dieser Forschungsschwerpunkt bezieht sich auch auf besondere Herausforderungen von Schülerinnen und Schülern aus zugewanderten und/oder sozial benachteiligten Familien.

Ausgewählte Publikationen

  • Groeneveld, I. (2012). Moderation sozialer Disparitäten in der Primarstufe. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin.
  • Kocaj, A., Kuhl, P., Kroth, A. J., Pant, H. A. & Stanat, P. (2014). Wo lernen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besser? Ein Vergleich schulischer Kompetenzen zwischen Regel- und Förderschulen in der Primarstufe. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 66, 165–191. doi: 10.1007/s11577-014-0253-x
  • Kocaj, A., Haag, N., Weirich, S., Kuhl, P., Pant, H. A. & Stanat, P. (2016). Aspekte der Testgüte bei der Erfassung schulischer Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. In V. Moser & B. Lütje-Klose (Hrsg.), Zeitschrift für Pädagogik, 62. Beiheft „Schulische Inklusion“, 212-234.
  • Kuhl, P., Stanat, P., Lütje-Klose, B., Gresch, C., Pant, H. A. & Prenzel, M. (2015). Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Schulleistungserhebungen. Wiesbaden: Springer Verlag VS.
  • Rjosk, C., Richter, D., Hochweber, J., Lüdtke, O., Klieme, E. & Stanat, P. (2014). Socioeconomic and language minority classroom composition and individual reading achievement: The mediating role of instructional quality. Learning and Instruction, 32, 63–72. doi: 10.1016/j.learninstruc.2014.01.007
  • Rjosk, C. (2015). Zuwanderungsbezogene Klassenzusammensetzung: Messung sowie direkte und vermittelte Effekte auf Leistung und psychosoziale Schülermerkmale. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin.
  • Rjosk, C., Richter, D., Hochweber, J., Lüdtke, O. & Stanat, P. (2015). Classroom composition and language minority students’ motivation in language lessons. Journal of Educational Psychology, 107, 1171-1185. doi: 10.1037/edu0000035
  • Stanat, P., Schwippert, K. & Gröhlich, C. (2010). Der Einfluss des Migrantenanteils in Schulklassen auf den Kompetenzerwerb: Längsschnittliche Überprüfung eines umstrittenen Effekts. In C. P. Allemann-Ghionda, P. Stanat, K. Göbel & C. Röhner (Hrsg.), Migration, Sprache, Identität [55. Beiheft]. Zeitschrift für Pädagogik, 56, 147–164.
  • Stanat, P., Segeritz, M. & Christensen, G. (2010). Schulbezogene Motivation und Aspiration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. In W. Bos, E. Klieme & O. Köller (Hrsg.), Schulische Lerngelegenheiten und Kompetenzentwicklung. Festschrift für Jürgen Baumert (S. 31–57). Münster: Waxmann.
Kontakt

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