Erwerb und Förderung von Sprach- und Lesekompetenz

In der PISA 2000-Studie zeigte sich, dass in Deutschland nahezu 23 Prozent der 15-Jährigen im Leseverstehen die Kompetenzstufe II nicht erreichten. Schülerinnen und Schüler, deren Leistungen unterhalb der Kompetenzstufe II liegen, sind zwar in der Lage, Informationen auf der Textoberfläche herauszusuchen und zwischen im Text explizit gegebenen Informationen und Alltagswissen einfache Verknüpfungen herzustellen. Dies gelingt ihnen jedoch nur, wenn konkrete Hinweise auf die relevanten Textinformationen gegeben werden. Die Integration von Informationen, die im Text an verschiedenen Stellen zu finden sind, bereitet den Schülerinnen und Schülern bereits Probleme. Es ist davon auszugehen, dass diese Jugendlichen Schwierigkeiten haben werden, basale Anforderungen an das Leseverständnis, die sich ihnen in Alltags- und Ausbildungssituationen stellen, zu bewältigen.

Zwar hat sich der Anteil der 15-Jährigen, die Kompetenzstufe II nicht erreichen, zwischen 2000 und 2009 deutlich verringert; mit 18,5 Prozent ist er jedoch weiterhin beträchtlich. Darüber hinaus zeigt sich, dass die zu Hause gesprochene Sprache einen erheblichen Effekt auf die Leseleistungen der Schülerinnen und Schüler hat. Insbesondere Kindern und Jugendlichen aus eingewanderten Familien fehlen oft Lerngelegenheiten für den Erwerb von Kompetenzen in der Instruktionssprache Deutsch, die für eine erfolgreiche Schullaufbahn notwendig sind.

Vor dem Hintergrund der besonderen Bedeutung sprachlicher Fähigkeiten beschäftigen wir uns in einer Reihe von Forschungsvorhaben mit unterschiedlichen Facetten von Sprach- und Lesekompetenz sowie deren Vorläuferfähigkeiten. Neben Fragen des Erwerbs, der Erfassung, und der Förderung sprachlicher Kompetenzen werden strukturelle Merkmale von sprachlichen Fähigkeiten sowie deren kognitive, motivationale und affektive Determinanten in verschiedenen Kontexten untersucht. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Herkunftssprachen und familiären Hintergründen sowie der damit häufig verbundenen sprachlichen Disparitäten.

So wird z.B. untersucht, ob und welche Merkmale der sog. Bildungssprache (z.B Komplexität der Grammatik oder die Abstraktheit des Vokabulars), Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Herkunftssprache beim Verstehen deutschsprachiger Texte besondere Schwierigkeiten bereiten. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, inwieweit die muttersprachlichen Kompetenzen von Heranwachsenden nichtdeutscher Herkunftssprache den Erwerb der deutschen Sprache und ihren Schulerfolg beeinflussen. Einen weiteren Schwerpunkt unserer Forschungsaktivitäten bilden neben der Evaluation bereits implementierter Maßnahmen zur Sprach- und Leseförderung die theoriegeleitete Entwicklung von Sprachförderansätzen in fachlichen Kontexten und die systematische Untersuchung der Wirksamkeit dieser Ansätze im Rahmen von experimentellen und quasi-experimentellen Studien.

 

Ausgewählte Publikationen

  • Kempert, S., Götz, R., Blatter, K., Tibken, C., Artelt, C., Schneider, W., & Stanat, P. (2016). Training early literacy related skills. Which contribution does a musical training make to phonological awareness development? Frontiers in Psychology, 7: 1803
  • Darsow, A., Paetsch, J., Stanat, P. & Felbrich, A. (2012). Ansätze der Zweitsprachförderung: Eine Systematisierung. Unterrichtswissenschaft, 40, 64–82.
  • Edele, A. & Stanat, P. (2015, July 20). The role of first-language listening comprehension in second-language reading comprehension. Journal of Educational Psychology. Advance online publication. doi:10.1037/edu0000060
  • Henschel, S., & Schaffner, E. (2014). Differenzielle Zusammenhänge zwischen Komponenten der Lesemotivation und dem Verständnis literarischer bzw. expositorischer Texte. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 16, 112-126. doi: 10.2378/peu2014.art10d
  • Heppt, B., Haag, N., Böhme, K., & Stanat, P. (2015). The role of academic-language features for reading comprehension of language-minority students and students from low-SES Families. Reading Research Quarterly, 50, 61-82. doi: 10.1002/rrq.83
  • Heppt, B., Stanat, P., Dragon, N., Berendes, K., & Weinert, S. (2014). Bildungssprachliche Anforderungen und Hörverstehen bei Kindern mit deutscher und nicht-deutscher Familiensprache. Zeitschrift für pädagogische Psychologie, 28, 1-11. doi: 10.1024/1010-0652/a000130
  • Kempert, S., Edele, A., Rauch, D., Paetsch, J., Darsow, A., Wolf, K., Maluch, J., & Stanat, P. (im Druck). Die Rolle der Sprache für zuwanderungsbezogene Ungleichheiten im Bildungserfolg. In: C. Diehl, C. Hunkler & C. Kristen (Hrsg.), Ethnische Ungleichheiten im Bildungsverlauf: Mechanismen, Befunde, Debatten. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Maluch, J. T., Kempert, S., Neumann, M., & Stanat, P. (2015). The effect of speaking a minority language at home on foreign language learning. Learning and Instruction, 36, 76–85. doi: 10.1016/j.learninstruc.2014.12.001
  • Marx, A., Stanat, P., Roick, T., Segerer, R., Marx, P., & Schneider, W. (2015). Components of reading comprehension in adolescent first-language and second-language students from low-track schools. Reading and Writing, 28, 891-914. doi: 10.1007/s11145-015-9554-3
  • Paetsch, J., Wolf, K. M., Stanat, P. & Darsow, A. (2014). Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17, 315-347. doi: 10.1007/s11618-013-0474-1
  • Schöppe, D., Blatter, K., Faust, V., Jäger, D., Stanat, P., Artelt, C. et al. (2013). Effekte eines Trainings der phonologischen Bewusstheit bei Vorschulkindern mit unterschiedlichem Sprachhintergrund. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 27 (4), 241–254. doi: 10.1024/1010-0652/a000110
  • Stanat, P., Becker, M., Baumert, J., Lüdtke, O. & Eckhardt, A. G. (2012). Improving second language skills of immigrant students: A field trial study evaluating the effects of a summer learning program. Learning and Instruction, 22, 159–170. doi: 10.1016/j.learninstruc.2011.10.002
  • Wolf, K. M., Felbrich, A., Stanat, P. & Wendt, W. (2011), Evaluation der kompensatorischen Sprachförderung in Brandenburger Kindertagesstätten. Empirische Pädagogik, 25 (4), 423–438.
Kontakt

Dr. Sofie Henschel, Dr. Sebastian Kempert

(030) 2093-46539 /-46569

sofie.henschel@
iqb.hu-berlin.de

SKe/SHe