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Rundgespräch zum Abschluss des Forschungsprojekts „ProSach“

Vertreterinnen aus der Bildungspraxis, Bildungsadministration und Bildungsforschung diskutieren die Weiterentwicklung von fachintegrierter sprachlicher Bildung im Grundschulbereich in Berlin.

Welche Form der Professionalisierung benötigen Lehrkräfte, um durchgängige Sprachbildung in allen Fächern umsetzen zu können? Wie gelingt Sprachbildung im Sachunterricht? Wo steht Berlin und wie können Ergebnisse aus der Forschung in die Fortbildungspraxis einfließen? Diese Fragen diskutierten am 23. Oktober 2019 Vertreterinnen aus Bildungsforschung, Bildungsadministration und Bildungspraxis in einem Rundgespräch im Berliner Zentrum für Sprachbildung (ZeS). Eingeladen hatte das Team des Projekts „Professionalisierungsmaßnahmen zur bedeutungsfokussierten Sprachförderung im Sachunterricht der Grundschule“ (ProSach) zusammen mit dem Berliner Zentrum für Sprachbildung (ZeS). In dem BiSS-Entwicklungsprojekt ProSach wurde von 2016 bis 2019 unter Leitung von Petra Stanat und Sofie Henschel (beide IQB, HU Berlin) sowie Ilonca Hardy (Goethe-Universität Frankfurt) ein Professionalisierungskonzept zur fachintegrierten Sprachförderung für Grundschullehrkräfte an Hessischen und Berliner Grundschulen erprobt und evaluiert. Dabei wurde untersucht, wie gut Lehrkräften nach einer praxisnahen und eng begleiteten Professionalisierungsmaßnahme eine sprachförderliche Unterrichtsgestaltung im Sachunterricht gelingt und ob eine erfolgreiche Umsetzung zu messbar höheren sprachlichen und fachlichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler führt.

Grundlage für das Rundgespräch waren die Projektergebnisse. Diese waren zunächst vielversprechend, da sich bei den fortgebildeten Lehrkräften ein deutlich sprachförderliches Unterrichtshandeln zeigte. Der angenommene Effekt eines zusätzlich sprachförderlich angereicherten Sachunterrichts auf die sprachlichen und fachlichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler blieb allerdings noch aus. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur durchgängigen Sprachbildung konnte jedoch angestoßen werden: Edda Rohde, die als Lehrkraft an der Professionalisierungsmaßnahme im ProSach-Projekt teilgenommen hatte, berichtete in der Diskussionsrunde, dass ihre Teilnahme an diesem wissenschaftlichen Projekt zur fachintegrierten Sprachförderung und die gleichzeitige fächerübergreifende Verankerung des Basiscurriculums Sprachbildung im Rahmenlehrplan Berlin-Brandenburg zu mehr Akzeptanz im Kollegium geführt habe, die Sprachförderarbeit als notwendig anzuerkennen. „Früher saß ich in meinem DaZ-Kämmerlein und habe gehofft, dass mir die Kollegen ein paar Kinder schicken.“ Allerdings wünsche sie sich mehr Zeit. Auch in ProSach sei das Tempo der anspruchsvollen Unterrichtsthemen für ihre sehr lernschwache Klasse noch zu hoch gewesen. Diemut Severin, von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend, und Familie, führte an, dass prinzipiell viele Stunden für Sprachförderung zur Verfügung stünden. Allerdings seien diese Stunden oft die ersten, die zum Beispiel bei fehlendem Lehrpersonal entfielen. Deshalb achte man in dem neuen Schulbegleitprogramm "Sprachförderung in temporären Fördergruppen" auch darauf, mit den teilnehmenden Grundschulen ein Sprachförderkonzept zu erarbeiten, das eine verbindlichere Nutzung der zur Verfügung stehenden Sprachförderstunden impliziert, so Martina Reynders, die als Leiterin des ZeS einen kurzen Überblick über die Strukturen und Aufgaben des ZeS gegeben hatte. Babett Sachse, Fortbildnerin und Koordinatorin des Schulbegleitprogramms für Grundschulen am ZeS betonte: „Den Schulen muss das Thema Sprachbildung unter den Nägeln brennen“. Nur dann bestehe die Bereitschaft, diesen Prozess im gesamten Kollegium anzugehen, verbindliche Absprachen zu treffen und durchgängig in allen Fächern und Klassenstufen einheitliche sprachbildende Maßnahmen zu verfolgen. Dieser Prozess verlangt zunächst den Aufbau des Bewusstseins dafür, wo im Fachunterricht sprachliche Hürden bestehen könnten. Das sollte bereits in der Lehramtsausbildung stattfinden. Viele Studierende seien zunächst stark auf das Fach fokussiert, so Beate Lütke von der Professional School of Education (PSE) der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihnen müsse der Blick auf die Heterogenität der Schülerschaft und die damit verbundenen Anforderungen aufgezeigt werden, ohne dass Heterogenität gleichzeitig als Bedrohung empfunden werde. Gleichzeitig werden weitere Erkenntnisse darüber benötigt, wie die Umsetzung theoretisch basierter Sprachförderkonzepte, die zum Beispiel zunächst immer eine Diagnostik des Sprachstandes der Kinder fordern, in der Praxis gelingt. Die Ergebnisse des ProSach-Projekts zeigen aber, dass durch die hier umgesetzte Art der Professionalisierung und der engen Begleitung diese Fähigkeiten aufgebaut werden können. „Ich habe beim LAUBE-Test [dem schulischen Test zur Erfassung der Lernausgangslage in Berlin] nochmal viel genauer hingeschaut“, erinnert sich Edda Rohde. Insgesamt bewerteten die Lehrkräfte des Projekts die Professionalisierungsmaßnahme als sehr positiv, praxisnah und inhaltlich gut umsetzbar. Dass ihnen die Umsetzung fachintegrierter Sprachförderung in ihrem regulären Unterricht auch tatsächlich gelungen ist, lässt sich anhand von Unterrichtsvideos belegen.

Doch was zeigt der Blick auf die sprachliche und fachliche Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler? Dieser fällt weniger klar aus als der Blick auf die Ergebnisse der Lehrkräfte. Der positive Einfluss sprachförderlichen Unterrichtshandelns deutet sich in den Projektergebnissen an, doch wird auch deutlich, dass hier noch viele andere Einflussfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören zum Beispiel das fachliche und fachdidaktische Wissen der Lehrkraft und wie sicher sie sich im Unterrichten der Fachinhalte fühlt. Aufseiten der Schülerinnen und Schüler ist die fachliche und sprachliche Ausgangsleistung von entscheidender Bedeutung dafür, wie stark sie von sprachlichen Unterstützungsangeboten profitieren. Je schwächer die Schülerinnen und Schüler starten, desto langsamer erfolgt der Lernzuwachs. An dieser Stelle kommt der eingangs erwähnte Zeitfaktor wieder ins Spiel. Man solle daher nicht vergessen, dass auch zusätzliche Sprachfördermaßnahmen weiterhin wichtig sind und nicht durch die fachintegrierte Sprachförderung ersetzt werden können, so Katrin Gabler, wissenschaftliche Mitarbeiterin im ProSach-Projekt. Beides kann sich aber sinnvoll ergänzen, wenn der dazu notwendige Austausch stattfindet.

 

An dem Rundgespräch nahmen teil:

Podium:

  • Dr. Katrin Gabler (ProSach-Projekt, Humboldt-Universität zu Berlin /IQB)
  • Prof. Dr. Beate Lütke (Fachdidaktik Deutsch und Deutsch als Zweitsprache für alle Lehrämter, Humboldt-Universität zu Berlin /PSE)
  • Edda Rohde (Grundschullehrerin /ProSach-Projektteilnehmerin)
  • Babett Sachse (Koordination Schulbegleitprogramm Scaffolding an Grundschulen am ZeS)
  • Diemut Severin (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie)

Vortragende:

  • Dr. Sofie Henschel (ProSach-Projekt, Humboldt-Universität zu Berlin /IQB)
  • Martina Reynders (Leiterin des Zentrums für Sprachbildung)
  • Dr. Christine Ernst (iMINT-Akademie Grundschule)

Moderation: Prof. Dr. Petra Stanat (Wissenschaftliche Leiterin des IQB)

Das Projektdesign und der Professionalisierungsansatz von ProSach werden im Projektatlas BiSS-Entwicklungsprojekte genauer vorgestellt.